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Es ist der 3. Oktober 1942. Wer sich im Gelände der
Heeresversuchsanstalt einen Aussichtspunkt an einem Fenster sichern
konnte, schaut seit 12 Uhr ungeduldig in Richtung See. Denn trotz
höchster Geheimhaltungsstufen hatte es sich im größten
Hochtechnologiezentrum des Dritten Reiches unter den gut 10.000
Beschäftigten herumgesprochen :
Das vierte Versuchsmuster der Fernrakete A 4 steht am Prüfstand 7 kurz
vor dem Start.
Um 15.58 Uhr schiebt sich dann unter Brüllen und Dröhnen der
Raketenkörper über die Waldlinie hinaus. Feuer und Rauch schießen in
die Höhe. Was weiter geschieht, kann die Führungsriege am
Fernsehschirm verfolgen. Peenemünde ist mit der modernsten Technik
ausgerüstet.
Als der 14 Tonnen schwere Raketenkörper der A 4 nicht nur mühelos vom
Peenemünder Boden anhebt, sondern bald auch stabil im
Überschallbereich dahinschießt und nach 5 Minuten Flugzeit 192 km
östlich von Peenemünde in der Ostsee aufschlägt, herrscht für die
anwesenden Militärgrößen die Gewißheit:
Die deutsche Wehrmacht kann auf eine neue Waffe setzen, für die es zu
dieser Zeit keine Abwehr gibt - eine Fernrakete, die den Zugang zum
Weltraum eröffnen und damit auch dem Krieg neue Dimensionen bahnen
soll.
Die Rede ist von der Vergeltungswaffe 2 ( V 2 ), die später von der
Nazipropaganda als "Wunderwaffe" gefeiert wird
Die Vorstufen zur V 2
Vor dem eigentlichen Bau der V 2 wurden viele Tests und Erprobungen
durchgeführt, um die riesigen Schwierigkeiten zu lösen, die sich mit
der Herstellung einer solch komplizierten Konstruktion verbinden.
Untrennbar verbunden mit der deutschen Raketenentwicklung sind die
beiden Namen Wernher von Braun und Walter Dornberger. Während der
Ingenieur von Braun als der "geistige" Vater der V 2
bezeichnet werden kann, so ist Dornberger als Abteilungschef der
Organisator und Lenker der gesamten Raketenforschung.
Weiterhin sind die Orte Kummersdorf (bei Berlin) und Peenemünde (auf
Usedom) als Zentren der deutschen Raketenforschung zu nennen. Hier
wurden die Vorstufen zur V 2 projektiert, gebaut und getestet. Diese
ersten Raketen, wurden gemäß dem Heeresbezeichnungssystem für
Flüssigkeitsraketenversuche als Aggregate bezeichnet und durch den
Index A gekennzeichnet.
Die Versuche begannen1930 in Kummersdorf bei Berlin. Das erste Aggregat
(A 1) entstand 1933, ein annähernd 140 cm langer und 30 cm starker
Flugkörper, dessen Triebwerk eine Schubkraft von 300 kp entwickelte.
Die 150 kg schwere A 1 erweist sich jedoch bei den ersten
Probestarts als zu vorderlastig und kann deshalb nicht einwandfrei
fliegen. So fällt die Entscheidung zum Bau einer Weiterentwicklung, der
A 2. Zwei Raketen dieser Baureihe werden als "Max" und
"Moritz" im Dezember 1934 auf der Nordseeinsel Borkum
verschossen. Die erreichte Gipfelhöhe beträgt 2200 Meter. Aufgrund der
Borkumer Ergebnisse wird anschließend ein weiteres Programm vorgelegt.
Es folgt die Neukonstruktion und Entwicklung eines Aggregates für 1500
kp Rückstoß und 45 Brennsekunden, die sogenannte A 3.
Damit wird es auf den Prüfständen in Kummersdorf recht eng, denn die A
3 hat bereits eine Länge von 7,5 Metern und einen Durchmesser von 75
cm. Das Startgewicht hat sich gegenüber der A 1 verfünffacht. Für
eine intensive Weiterentwicklungen werden neue Prüfstände und vor
allem längere Schußbahnen erforderlich. Damit war der Weg für die
Erprobungsanlage Peenemünde auf der Ostseeinsel Usedom frei.
Schon 1933 wurden Versuche mit größeren Brennkammern durchgeführt.
Diese sollten für 45 Sekunden 1000 kp Schub abgeben. Die Versuche zogen
sich über Jahre hinweg, da immer wieder Kühlschwierigkeiten auftraten.
Weiterhin konnten in Kummersdorf keine Startversuche mit größeren
Raketen mehr durchgeführt werden. Somit ruhten die Schießversuche bis
1937, bis die A 3 fertig konstruiert war und für praktische Versuche
bereit stand. Anfang Dezember 1937 stand das
Aggregat 3 startfertig auf dem neuen Schießplatz, einer kleinen Insel
vor Usedom. Die Brennkammer gab bei einer Ausströmgeschwindigkeit von
1900 m/s, einen Schub von 1,5 Tonnen für 45 Sekunden ab. Die scharfen
Versuche scheiterten jedoch jedes Mal an der zu schwachen Steueranlage.
Die Projektierung und Erprobung der A 4
Inzwischen
ist das Entwicklungsprojekt A 4 - mit 25 Tonnen Schubkraft - aufgenommen
worden. Nach den kritischen Erfahrungen mit der A 3 wird dieses neue
Projekt vorläufig zurückgestellt. Die Leitung der Raketenentwicklung
entscheidet, vor der Weiterarbeit am Gerät A 4 zunächst eine
Zwischenstufe - die Rakete A 5 - einzuschieben. Diese bringt dann
tatsächlich auch die angestrebten technischen Ergebnisse. Die ersten
Modellaggregate dieser Reihe werden ab März 1939 verschossen. Diesmal
erreichen die Raketen bei vertikalen Starts und einem
Gesamtgewicht von 900 kg eine Gipfelhöhe von 12 km. Weiterhin wird bei
schrägem Abschuß eine Reichweite von etwa 18 km erreicht . Auch
gelingt die Umlenkung der Rakete in eine um 45 Grad geneigte Schußbahn
- die entscheidende Voraussetzung, das Projektil als eine Fernkampfwaffe
einzusetzen. Insgesamt wurden für verschiedenste Tests zwischen 1939
und 1942 mehrere hundert A 5 abgeschossen und erprobt.
Im
Frühjahr 1939 gelingt es, ein neu entwickeltes Triebwerk zu testen, das
der Rakete die geforderte Leistung von 25 Tonnen Schubkraft verleihen
soll. Schwierigkeiten bereitete allerdings die Förderung des flüssigen
Sauerstoffs bei -185 °C. Diese Probleme konnten bis Anfang 1942
beseitigt werden, so daß der erste Versuchsabschuß einer A 4 am 13.
Juni 1942 stattfinden konnte. Er schlug fehl und die Rakete explodierte
in 1,3 km Entfernung. Erst der vierte Start am 3. Oktober verlief
erfolgreich. Peenemünde erhielt nun grünes Licht für die
Serienfertigung.
Diese wird im August 1943 jäh gestoppt, als alliierte Bomber die
Peenemünder Anlagen bombardieren. Als Resultat wird die Auslagerung der
Produktion in das sogenannte "Mittelwerk" befohlen. Ein
unterirdischer Werkskomplex bei Nordhausen im Harz. Dort wurde neben der
V 1- Fertigung, ein Ausstoß von monatlich bis zu 600 V 2 erreicht.
Bis
Mitte 1943 erfolgten insgesamt 31 Versuchsabschüsse. Sie dienten dazu,
Kinderkrankheiten zu beseitigen sowie Treffergenauigkeit und
Aktionsradius der Rakete zu vergrößern.
Der erste kriegsmäßige Einsatz fand am 8. September 1944 statt. Das
Ziel war der Stadtkern von London. Die Abschüsse erfolgten von mobilen
Stellungen bei Aachen und Den Haag aus. Bis Anfang November wurden dabei
weit über 500 V 2-Raketen auf Ziele in England, Frankreich,
Belgien und Holland verschossen. Jede erforderte einen Aufwand von etwa
13.000 Arbeitsstunden und kostete 38.000 RM (Reichsmark).
Die mobilen Startrampen , Meillerwagen genannt, ermöglichten einen
ständigen Wechsel der Feuerstellung. Der eigentliche Starttisch, auf
dem die V 2 in die Senkrechte gebracht wurde, benötigte zur Abstützung
lediglich einen festen Sanduntergrund. Am häufigsten wählte man für
den Start Waldlichtungen, die Tarnung und außerdem Schutz vor Windböen
gaben. Eine Fernraketenabteilung bestand aus annähernd 400 Offizieren
und Soldaten. Ihre Züge und Trupps waren verantwortlich für das
Einfahren der Rakete in die Feuerstellung und das Aufrichten, für
Durchschaltversuche, Betanken und Eindrehen der Rakete in Schußrichtung.
Für die letzten Startvorbereitungen, zu denen auch der Einbau der
sogenannten Nutzlastspitze mit Sprengstoffladung und Zünder gehörten,
benötigte man etwa 12 Minuten. In dieser Zeit waren der flüssige
Sauerstoff und die spezielle Alkoholmischung sowie die Stoffe
Wasserstoffsuperoxyd und Kaliumpermanganat aufzutanken. Außerdem hatte
man die Hauptventile und die Pumpenaggregate durch Warmluft
vorzuwärmen, bevor von einem gepanzerten Feuerleitwagen die Zündung
ausgelöst werden konnte.
Der Soldat Carl-Gregor Auer schildert aus eigenem Erleben den Verschuß
einer A 4-Rakete:
"Stellung räumen" konnte man von allen Seiten hören. Ich
ging zu meinem Feuerleitpanzer, der etwa 150 Meter vom Tisch wegstand
Der Schießoffizier betritt den Feuerleitpanzer. Innen fragt er den Mann
am Steuerungspult: ,Steuerung klar?' ,Steuerung klar!' kommt die
Antwort. Alles ist still. Die Soldaten flüstern nur Allein der
Schießoffizier ruft: ,X 1' Der Schießoffizier steigt auf eine kleine
Treppe im Feuerleitpanzer Sie ermöglicht es ihm, auf die Feuerstellung
zu sehen. ,Schlüssel auf Schießen!' , befiehlt er. ,Ist auf Schießen,
Klarlampe leuchtet !' , meldet ihm der Mann am Triebwerkspult. Nach
einer genau festgelegten Abfolge von Kommandos und Meldungen brüllt der
Schießoffizier nunmehr, denn eine Verständigung ist inzwischen nur
schreiend möglich: ,Hauptstufe !' Daraufhin drückt der Finger des
Triebwerkpultmannes den entsprechenden Knopf nieder. Die Erde erzittert
und vibriert unter dem Druck der 25 Tonnen. Senkrecht schießt die Rakete
nach oben, legt sich langsam schräg zum Ziel hin. Ein Mann vom
Triebwerktrupp springt zum Tisch und dreht mit dem Schraubenschlüssel
die Hochdruckflaschen ab. Langsam gehen die Soldaten zur Abschußstelle,
die komisch leer aussieht."
Große Schwierigkeiten bereiteten vor allem technische Mängel an den
Raketen, die hauptsächlich auf die übereilte Serienproduktion
zurückzuführen sind. So wurden nur knapp die Hälfte der zur
Verfügung stehenden Raketen abgefeuert. Der größte Teil mußte zu
Nachbesserungen an das Mittelwerk zurückgeschickt werden.
Trotzdem wurde bis zum 27. März 1945 fast pausenlos geschossen.
Insgesamt kamen etwa 5500 Geräte zum Abschuß. Davon trafen rund 2000
das Stadtbild von London und etwa 1600 das von Antwerpen. Die Reichweite
konnte im Verlauf der Entwicklung von anfänglich 320 km auf 380 km
erhöht werden.
| Technische Daten:
Aggregat A 4 (Vergeltungswaffe V 2) |
| Klassifikation: |
ballistische Fernrakete |
| Länge: |
14 m |
| Triebwerk: |
Flüssigkeitsraketenmotor mit 68 Brennsekunden
(27.500 kp Schub) |
| Nutzlast: |
Bombenkopf mit 975 Kg Amatol-Pulverladung und
Aufschlagszünder |
| Gewicht: |
13,9 Tonnen |
| Geschwindigkeit: |
ca. 5.800 km/h (in max. 30.000 m Höhe) |
| Einsatzreichweite: |
320 - 380 km |
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