|
Die Bombardierung Peenemündes im August 1943 gib den entscheidenden
Anlaß zur Auslagerung der Serienproduktion aus dem Forschunggelände
der Ostseehalbinsel Usedom. Diese wurde 1936 unter anderem gewählt, da
sie von damaligen Bombern von England aus nicht erreicht werden konnte.
Dieser Vorteil war nun verspielt. Es mußte unbedingt nach einem neuen
Ort für die Produktionsstätten gesucht werden. Diese Überlegungen
fielen in eine Zeit, in der bereits die alliierten Bomberverbände
pausenlos Tag und Nacht deutsche Rüstungsbetriebe und Großstädte
angriffen. Darum wurden bereits Teile der Fertigung in
Zuliefererbetriebe in ganz Deutschland ausgelagert, um großen
Ausfällen in der Produktion vorzubeugen.
Peenemünde wurde damals für das Forschungszentrum ausgewählt, da es
abgelegen und bevölkerungsarm, und damit der Geheimhaltung sehr
dienlich war. Für eine Serienproduktion hingegen war dieser Standort
alles andere als perfekt. Lange Anfahrtswege und kaum Tarnmöglichkeiten
für eine Großproduktion.
Zurück in die Höhle
Eine neue Hauptproduktionstätte mußte her. Die Entscheidung fiel auf
Nordhausen im Harz. Standort soll ein unbewohntes Tal in der Nähe des
Kohnsteins sein. Der bewaldete Berg wird von einem weitläufigen
unterirdischen Stollen- und Hallensystem durchzogen, das seit 1917 in
mehreren Stufen bergmännisch erschlossen wurde. Nach dem weiteren
Ausbau der Hohlräume lagern hier seit Mitte der dreißiger Jahre
strategisch wichtige Reserven, wie Treibstoffe, Fette und Öle, deren
Restbestände jetzt andernorts untergebracht werden. Dieser Ort ist zum
einen Zentral in Deutschland angesiedelt, da die Russen von Osten immer
näher kommen. Zum anderen bieten die Stollen hervorragende
Tarnmöglichkeiten für eine Großproduktion. Es entsteht die KZ-Fabrik
Mittelbau-Dora.
(Zu Beginn wird der Komplex KZ "Dora" genannt, als
Außenstelle des KZ Buchenwald. Später lautet der Name der nun
eigenständigen Anlage KZ "Mittelbau". Die eigentliche
Raketenfabrik wird aus Geheimhaltung schlicht "Mittelwerk"
genannt.)
Die Planung des Mittelwerkes und des KZ "Dora"
Mit der Entscheidung zur Verlagerung der Serienfertigung in das
Stollensystem des Kohnsteins bei Nordhausen werden Teile der
Zwangsarbeiter aus dem Peenemünder Konzentrationslagers (KZ) zunächst
nach Buchenwald gebracht. Mitte Oktober 1943 wird die gesamte Gruppe
weitergeleitet zur neu entstehenden Außenstelle zum KZ "Dora"
bei Nordhausen. Hier, in einem weiten, abgeschiedenen Talgelände
nordwestlich der Stadt, treffen bereits seit dem 28. August Tag für Tag
neue Transporte mit Häftlingen ein, überwiegend Handwerker und
Bauarbeiter, in der Mehrzahl Polen, Russen und Deutsche. Damit beginnt
der Aufbau des späteren Konzentrationslagers Mittelbau. Das Mittelwerk,
die künftige Raketenfabrik, nistet sich unterirdisch im Kalkfels des
Berges ein
Noch am gleichen Tag, an dem die ersten Häftlinge aus Buchenwald
eintreffen, wird der Hauptstollen geöffnet, so daß zwischen dem neuen
Konzentrationslager und der künftigen Raketenproduktionsstätte eine
direkte Verbindung besteht. Nach den Plänen der SS soll in kürzester
Zeit das Tunnellabyrinth so erweitert und ausgebaut werden, daß es
genug Raum für die großen Anlagen zur Serienfertigung der
Raketenwaffen bietet Anfang September erreicht ein zweiter Transport von
ca. 1200 Häftlingen Lager und Werk. Über 1000 von ihnen sind zuvor in
verschiedenen Bereichen in Peenemünde eingesetzt gewesen. Am 19.
September kommen auch die ersten Waggons mit Maschinen und Anlagen aus
den Peenemünder Versuchsanstalten in das entstehende Mittelwerk. In den
folgenden Wochen und Monaten treffen immer mehr Häftlinge ein. Ein Teil
der Zwangsarbeiter verbleibt in Peenemünde und wird für den
Abtransport weiterer Maschinen und Anlagen in das Mittelwerk eingesetzt.
Der im Mittelwerk entstehende Maschinenpark ist für damalige Zeiten
gigantisch und mit modernstem technischem Gerät ausgestattet. Darunter
sind beispielsweise Werkzeugmaschinen im Wert von rund 2 Millionen
Reichsmark (RM), Formpressen für 4 Millionen RM, Anlagen für den
Oberflächenschutz im Werte von einer dreiviertel Million RM, außerdem
Hebezeuge, Kräne und vieles andere mehr.
Ein Nordhäuser Oberingenieur beziffert den finanziellen Wert der
unterirdischen Anlagen (ausgenommen der obengenannten, zur Fertigung
dienenden Ausrüstung) auf insgesamt 70 Millionen RM.
Ab Mitte November kommen in das KZ "Dora" auch zahlreiche
Häftlinge aus Österreich. Sie wurden ebenso wie die Peenemünder
bereits in der Raketenfertigung eingesetzt. Sie mußten zuvor in den
Rax-Werken in Wiener-Neustadt arbeiten, die nach den Luftangriffen der
Alliierten ebenfalls demontiert und samt Maschinen und Personal ins
Mittelwerk verlagert wurden. Die militärischen und technischen
Arbeitsstäbe in Peenemünde und vor Ort in Nordhausen versprechen sich
vom Einsatz dieser bereits in Produktionsabläufe eingewiesenen
Häftlinge schnelleren und höheren Nutzen. Die erste Planungsgrundlage
vom Oktober 1943 für die Aufnahme der Serienproduktion geht von
annähernd 20.000 einzusetzenden Häftlingen sowie weiteren 2.000
ausnahmslos deutschen Vorarbeitern, Meistern und Ingenieuren aus.
Noch
im Herbst 1943 macht man in den verschiedensten Konzentrationslagern in
Deutschland einige hundert technisch besonders qualifizierte Männer
ausfindig, die im Mittelwerk zusammengeführt werden, um die anderen
Häftlinge am Fließband anzuleiten. Die Führung der Arbeiten
übernehmen überwiegend zivile Mitarbeiter und Militärs aus
Peenemünde. Ende Oktober sind im Lager "Dora" bereits 6.275
Häftlinge bei den Vorbereitungen der Serienproduktion der A 4
eingesetzt. Weiterhin soll nun auch die V 1 im Mittelwerk produziert
werden. Die Hauptaufgabe der Arbeiter besteht zunächst allerdings
darin, das Stollensystem zu erweitern. Eingesetzt werden dafür
annähernd 80 Prozent der Häftlinge, die mehrheitlich keine
bergmännische Ausbildung haben. Sie sind dabei bis zu 16 Stunden
täglich auf den Beinen. Transportkolonnen müssen bis Ende Februar 1944
mindestens 1300 Güterwagen von Hand oder mit selbstgefertigten
unzureichenden Hilfsmitteln entladen. Die meisten der Häftlinge dürfen
bis auf einen wöchentlichen Zählappell die unterirdischen Anlagen
nicht verlassen. Viele sehen das Tageslicht nie wieder. Tote werden, wie
von mehreren Zeugen belegt ist, mitunter gleich in die Betonfundamente
einzementiert, auf denen später die Peenemünder Präzisionsmaschinen
stehen. Als im März und April 1944 Nacharbeiten in der Halle 40
vorgenommen werden müssen, kommen unter dem Bodenbelag die sterblichen
Überreste von annähernd 70 Häftlingen zum Vorschein.
Das Mittelwerk produziert
Mit dem planmäßigen Beginn der Produktion werden zum 1. Januar die
ersten drei Häftlingsarbeitskommandos aufgestellt. An der Taktstraße
wird in zwei Schichten zu je 12 Stunden gearbeitet. Schichtwechsel ist
jeweils um 11.00 bzw. 23.00 Uhr. Mit den Zeiten für An- und Abmarsch,
Essen und notdürftige hygienische Verrichtungen sind die Häftlinge bis
zu 18 Stunden eingespannt. Wer den enormen physischen Strapazen nicht
gewachsen ist und entkräftet oder krank im Arbeitsrhythmus
zurückbleibt, ist oft dem Tode geweiht. Schon im ersten Quartal 1944
werden drei Sammeltransporte mit jeweils 1000 arbeitsunfähigen
Häftlingen in verschiedene Vernichtungslager deportiert. Ab Januar 1945
wird die Boelcke-Kaserne in Nordhausen zur Endstation für weitere
Tausende von Häftlingen, die den mörderischen Anstrengungen in der
KZ-Fabrik nicht mehr gewachsen waren.
Nach
kurzer Anlaufperiode der Serienfertigung im ersten Quartal 1944 wird im
Mittelwerk der Versuch unternommen, die Produktion der Raketenwaffen auf
die von der Wehrmachtsführung geforderte Zahl von 900 Stück pro Monat
hochzufahren. Die eigentliche Produktionsperiode reicht von April 1944
bis März 1945. Der Ausstoß ist jedoch zunächst recht unterschiedlich.
Er erhöht sich von ca. 50 Raketen im Januar auf 473 Raketen im Mai. Im
Monat Juni sind es dagegen nur 132 Raketen, von denen sogar einige
nach Testversuchen wieder demontiert werden müssen.
Erst ab August 1944 pendelt sich der Produktionsausstoß bei etwas über
600 A 4-Raketen pro Monat ein. Der höchste Produktionsausstoß wird im
Januar 1945 mit 690 Raketen erreicht. Damit bleibt das ursprüngliche
Produktionsziel von 900 Stück im Monat für immer eine Illusion. Da in
Peenemünde 200, und im Mittelwerk ca. 6.000 A 4-Raketen hergestellt
worden sind, ergibt sich eine Gesamtproduktion von ca. 6.200 Raketen.
Die in Peenemünde gefertigten Geräte waren nicht für den Fronteinsatz
bestimmt, sondern dienten Versuchszwecken. Zuverlässig belegt sind
annähernd 4.000 Abschüsse mit A 4-Raketen auf Ziele in England,
Belgien und Frankreich. Die letzte Rechnung für gelieferte Raketen wird
vom Mittelwerk am 18. März 1945 ausgestellt Allerdings erweist sich,
daß lediglich zwei Drittel der an die Raketentruppe ausgelieferten
Waffen erfolgreich gestartet werden können. Rund ein Drittel sind
Versager, die wegen festgestellter Mängel zur Nachbesserung
zurückgeliefert werden. Diese hohe Ausschußquote hatte ihre Ursache
nicht nur in den oft beklagten technologischen Schwächen, sondern auch
in der systematisch betriebenen Rüstungssabotage durch die Häftlinge.
Das Ende
Im
Januar 1945 treffen im Lager Mittelbau aus Buchenwald und Lützkendorf
immer umfangreichere Transporte mit völlig erschöpften Menschen ein.
Wenig später kommen weitere Transporte aus evakuierten Lagern des
Ostens. Häftlinge aus Auschwitz werden in offenen Bahnwaggons, oft bei
strengem Frost, ohne Lebensmittel und Wasser, transportiert. Bis Ende
März ist das Konzentrationslager mit annähernd 40.000 Menschen belegt.
Doch trotz hoffnungsloser Überfüllung und unvorstellbarer Not wird die
Produktion in den Stollen nicht zurückgefahren. In den ersten vier
Wochen 1945 laufen 690 Raketen vom Band. Im Februar 1945 stehen
sowjetische Truppen nur noch rund 160 km von Peenemünde entfernt. Zur
Umsetzung eines von der SS initiierten Aktionsprogramms zur
"Brechung der Luftüberlegenheit" durch beschleunigte
Raketenwaffenproduktion beginnt die hektische Evakuierung von Fachleuten
und die Auslagerung von Anlagen in das Umfeld des Mittelwerkes. Doch zu
einer Produktionsaufnahme weiterer Raketenprogramme kommt es nicht mehr.
Aus Ost und West rücken die Fronten immer näher heran. Mitte März
wird die Serienfertigung der A 4-Raketen auch im Mittelwerk abgebrochen.
Bis zuletzt hat man die Häftlinge angetrieben. Das Totenbuch des KZ
Mittelbau vermerkt zwischen Oktober 1943 und April 1945 59 öffentliche
Hinrichtungen, bei denen 271 Häftlinge erhängt wurden. Noch am 21.
März 1945 werden 60 Häftlinge exekutiert.
Kurz vor Kriegsende, am 27. Februar 1945, nennt die SS-Lagerleitung des
inzwischen aus der Außenstelle "Dora" hervorgegangenen
eigenständigen KZ- "Mittelbau" eine "Ist-Stärke"
von rund 42.000 Häftlingen.
Während sich Anfang April 1945 etwa 500 handverlesene Peenemünder
Raketenspezialisten auf Befehl des SS-Brigadeführers Kammler mit einem
Sonderzug in Richtung bayrische Alpen absetzen, befiehlt der
SS-Kommandant des Konzentrationslagers sogenannte Evakuierungsmärsche
für die Häftlinge.
Zwischen August 1943 und April 1945 sind im KZ Mittelbau und im
Mittelwerk annähernd 60.000 Menschen aus 21 Ländern zusammengetrieben
und für die Interessen der Rüstungsproduktion eingesetzt worden. In
eineinhalb Jahren verloren dabei 20.000 Häftlinge ihr Leben.
|