|

Der Morgen dämmert am 10. Mai im Jahre 1940. Wer an der Maas zwischen
Lüttich und Maastricht wohnte, schaute an diesem Morgen erstaunt zum
Himmel. Wie aus dem Nichts tauchten plötzlich 82 deutsche Flugzeuge
auf. Es waren 41 Junkers Ju 52 Transporter, die je einen
Lastensegler vom Typ DFS 230 im Schlepp hatten. Die Segler landeten im
freien Gelände und setzten Fallschirmjäger ab, die dann im Handstreich
das Fort Eben-Emael nahmen und drei strategisch wichtige Brücken über
die Maas bis zum Heranrücken der Heerestruppen sicherten.
Die Projektierung der Lastensegler
Der Erfolg dieser bisher einmaligen Luftlandeoperation beeinflußte
zutiefst militärisches Umdenken in der ganzen Welt. Die Lastensegler
waren als Verlustmaterial im Billigverfahren hergestellt worden. Jeder
konnte 9 vollausgerüstete Soldaten befördern und auf den Punkt genau
lautlos hinter feindlichen Linien landen.
Der Lastensegler DFS 230
Bereits
lange vor dem Kriege hatte der Plan bestanden, ein Großsegelflugzeug zu
bauen, welches hauptsächlich dafür vorgesehen war, bestimmte Lasten
(z.B. für die Post) zu transportieren. Es war vorgesehen, diesen Segler
hinter ein Verkehrsflugzeug zu hängen und über einen Ort auszuklinken,
der nicht am Liniennetz angeschlossen war. Um die Probleme zu studieren,
die das Schleppen eines großen Seglers hinter einem mehrmotorigen
Flugzeug mit sich brachten, wurde eine Versuchsausführung gebaut und im
Schlepp hinter einer Junkers Ju 52 erprobt. Durch diese Versuche wurde
das Militär aufmerksam und gab einen Auftrag für einen 10sitzigen
militärischen Lastensegler, der Transportgut oder Luftlandetruppen
hinter der feindlichen Front absetzen sollte. Die erste Vorführung fand
vor dem Kriege unter den strengsten Geheimhaltungsbestimmungen vor einem
großen Kreis der Generalität statt. Die Geheimhaltung der
Lastensegler-Entwicklung konnte bis zu ihrem ersten Einsatz im Mai 1940
in Belgien aufrechterhalten werden. Die DFS 230 wurde in Belgien, Kreta
und Nordafrika eingesetzt. Weiterhin wurde eine Version DFS 230 C-1
gebaut, die speziell für die Mussolini-Rettungsaktion konstruiert
wurde. Sie besaß im Bug 3 Bremsraketen und die Einstiegstür vor der
Flügelstrebe.
Der Lastensegler Go 242 / Go 244
Unmittelbare
Auswirkungen des Erfolgs der DFS 230 in Belgien war ein Bauauftrag
für den Lastensegler Gotha Go 242, der 21 vollbewaffnete Soldaten oder
6800 kg Nutzlast befördern sollte.
Nach Kriegsbeginn wurde an die Gothaer Waggonfabrik die Aufgabe
herangetragen, außer den Lizenzbauten für die Luftwaffe vorwiegend
Lastensegler zu entwickeln und zu fertigen. Als Erstprodukt kam 1942 in
größerer Stückzahl die Go 242 in den Einsatz, die als Gegenstück zur
DFS 230 mit einer wesentlich vergrößerten Kapazität in Auftrag
gegeben war. Die Konstruktion war mit den beiden Leitwerksträgern
gleich so ausgelegt, daß sie auch motorisiert werden konnte. Als
Schleppmaschinen diensten vorwiegend Junkers Ju 52 oder Heinkel He 111.
Drei Baureihen standen in der Fertigung, die sich hauptsächlich im
Fahrwerk unterschieden. Während in der A-Version ein abwerfbares
Fahrgestell für den Start und Kufen für die Landung verwendet wurden,
so besaß die B-Version ein fest installiertes Dreiradfahrgestell. Für
Sondereinsätze wurde noch die C-Reihe konstruiert, die einen
schwimmfähigen Boden und Stützschwimmer erhielt.
Wie schon erwähnt, wurde der Lastensegler besonders im Hinblick auf
eine mögliche Motorisierung ausgelegt, bei der zwei Triebwerke in den
Leitwerksträgern untergebracht werden konnten. Dies wurde mit der Go
244 realisiert. An Triebwerken stand eine größere Anzahl an
Beutemotoren zur Verfügung. Für die Serienausführung entschied man
sich für den französischen Gnome-Rhone 14 M Doppelsternmotor. Der
Einsatz, der 42 gebauten Maschinen, war jedoch nicht besonders
erfolgreich, da die Motorleistung von 2x 740 PS sich als viel zu schwach
erwies.
Die Großraumlastensegler
Die Entwicklung und der Bau der beiden obengenannten Muster war nur der
Anfang. Für die verschobene Invasion nach England wurden technische
Forderungen für ein wahrlich überwältigendes Flugzeug gestellt, einen
Großraumlastensegler.
Im einzelnen sollte dieser Segler folgendes transportieren können:
| - |
einen Panzerkampfwagen IV |
| - |
oder ein Sturmgeschütz
einschließlich Besatzung, Betriebstoffen und Munition |
| - |
oder eine 8,8-cm-Flak mit
Zugmaschine |
| - |
oder nicht weniger als 200
vollbewaffnete Soldaten |
Das militärische Pflichtenheft hierfür wurde innerhalb von Tagen nach
dem Aufschub des Unternehmens "Seelöwe" Mitte Oktober 1940
herausgegeben. Als Auftraggeber wurden die Messerschmitt- und die
Junkerswerke ausgewählt. Das Entwicklungsprogramm erhielt den Decknamen
"Unternehmen Warschau". Genaueste Entwurfsstudien sollten bis
zum 1. November vorgelegt werden. Den Konstruktionsbüros verblieben also
gerade noch 14 Tage. Außerdem mußten sofort für bestellte 100 Maschinen
die nötigen Rohstoffe und Halbzeuge in Auftrag gegeben werden.
Das Projekt Junkers Ju 322 "Mammut"
Messerschmitt wurde angewiesen, die Segler aus verschweißten Stahlrohr
mit Stoffbespannungen herzustellen. Junkers hingegen, der ein Pionier
der Ganzmetallbauweise war, wurde aufgefordert, seinen Typ
ausschließlich in Holzbauweise herzustellen. Die Direktoren von Junkers
wiesen vergeblich darauf hin, daß sie keinerlei
Holzbearbeitungsmaschinen hätten und so gut wie nichts vom
Holzflugzeugbau verstünden Die Einwände stießen auf taube Ohren, und
die Ju 322 "Mammut" begann Formen anzunehmen. Dieses Projekt
stand von Anfang an unter einem ungünstigen Stern. Die besonderen
Holzarten und Spezialkleber waren überhaupt nicht aufzutreiben. Der
Entwurfsvorschlag ähnelte schließlich eher einer Riesenkeule mit einer
unglaublichen Spannweite von 82 Metern. Generaloberst Ernst Udet
besichtigte dieses riesige Flugzeug kurz vor den Probeflügen und
erklärte geradeheraus, daß es keinesfalls flugfähig sein würde. Er
sollte voll und ganz recht behalten.
Der Jungfernflug war im März 1941. Eine viermotorige Ju 90 schleppte
die "Mammut" quälend in die Luft. Doch der riesige Gleiter
war kaum mit dem Steuer zu beherrschen. Er riß die Ju 90 hinten hoch,
deren Pilot sie gerade noch abfangen konnte. Alles endete in einer
glimpflichen Bruchlandung. Zum Glück für alle Beteiligten wurde das
Projekt nun vom Luftfahrtministerium fallengelassen, und die bereits im
Bau befindlichen 90 "Mammut" wurden anschließend zersägt.
Brennholz für 45 Millionen Reichsmark.
Das Projekt Messerschmitt Me 321 "Gigant"
In der Zwischenzeit war man in den Messerschmittwerken bei Leipheim
besser vorangekommen, hatten die Entwickler doch den Vorteil, mit
Fertigungsverfahren arbeiten zu können, die man beherrschte. Willi
Messerschmitt fertigte den Grundentwurf persönlich. Die Pläne wurden
am 6. November 1940 eingereicht, angenommen und mit der Auflage
versehen, den Auftrag auf 200 Einheiten zu erhöhen und mit den Arbeiten
sofort zu beginnen.
Knapp 14 Wochen später stand der Prototyp zur Erprobung bereit. Der
Lastensegler bekam den Tarnnamen Me 321 und wurde sehr treffend
"Gigant" genannt, denn er war tatsächlich gigantisch:
Die Spannweite von 55 Metern war nur wenig geringer als die einer
heutigen Boeing 747 "Jumbo". Das Gewicht betrug nicht weniger
als 40 Tonnen. Der Start erfolgte auf einem abwerfbaren Fahrgestell mit
zwei großen Ju 90- Hauptfahrwerksrollen und zwei kleineren, vorne
angebrachten Me 110- Rädern. Das Gesamtgewicht des Fahrwerks allein
betrug mehr als 2 Tonnen. Als der Prototyp zum ersten Start
hinausrollte, standen bereits 11 weitere unmittelbar vor der
Fertigstellung und 62 waren im Bau. Dies alles innerhalb von 14 Wochen
zu schaffen, war eine hervorragende Leistung. Würde er aber auch
fliegen?
 |
Beim Jungfernflug am 21. Febuar 1941 in Leipheim trug der
"Gigant" nur 4 Tonnen Ziegelsteine als Ballast in seinem 107
Kubikmeter großen Laderaum, dessen verstärkter Boden fest genug war, um
20 Tonnen zu tragen. Als Schleppflugzeug wurde eine Junkers Ju 90
verwendet. Einer der wenigen viermotorigen Typen, die die Luftwaffe
besaß. Da die Motorleistung der Ju 90 schon für den Alleinflug kaum
ausreichend war, wurde der "Gigant" vorsorglich mit 8
"R-Geräten" ausgerüstet. Diese, mit T-Stoff betriebenen,
Startraketen konnten für etwa 30 Sekunden einen Schub von 500 kp
entwickeln.
Alles ging gut. Der "Gigant" gewann langsam an Höhe. Die Ju 90
löste in etwa 600 Meter Höhe das Schleppseil aus, und die Me 321 flog
mit 140 km/h einige Kurven um das Flugfeld. Der Flugzeugführer berichtete
sachlich, die Flugeigenschaften seien überraschend gut, fügte aber
hinzu, die Steuerdrücke seien einfach zu hoch. Daraufhin wurde in der
Serienfertigung eine größere Kabine mit einem zweiten Führersitz
konzipiert.
Das
größte Problem war jedoch eine geeignete Schleppmaschine zu finden. Es
war offensichtlich, daß die Ju 90 zu schwache Motoren hatte, um den
"Gigant" unter Frontbedingungen zu schleppen. Daraufhin machte
man den Vorschlag, zwei zweimotorige Bomber Heinkel He 111
zusammenzubauen und einen fünften Motor in die Mitte einzufügen.
Daraus entstand die Doppel-Heinkel He 111 Z "Zwilling", die
nach Berechnungen in der Lage sein sollte, einen vollbeladenen
"Gigant" mit mehr als 210 km/h zu schleppen. Diese Schleppart
wurde für das Unternehmen "Herkules" zur Eroberung von Malta
vorgesehen. Doch "Herkules" wurde nicht durchgeführt. Andere
Einsatzpläne waren Luftlandeaktionen auf russische Ölfelder,
Truppentransporte nach Sizilien und Entsatzeinsätze für Stalingrad.
Doch es dauerte eine geraume Zeit, bis die
"Zwilling" einsatzbereit war. Deshalb wurde nun die Methode
untersucht, den Schlepp im Verbandsflug vorzunehmen. Was dabei
herauskam, war der Troika-Schlepp mit drei zweimotorigen Messerschmitt
Me 110 C, die mit drei langen 10 mm Stahltrossen mit der
"Gigant" verbunden waren. Diese Version des Schleppfluges war
jedoch äußerst gefährlich, da es immer wieder zahlreiche schwere
Unfälle gab.
| Technische Daten:
Messerschmitt Me 321 |
| Klassifikation: |
Großraumlastensegler |
| Spannweite: |
55 m |
| Länge: |
28,60 m |
| Triebwerke: |
keine |
| Bewaffnung: |
fünf MG-Stände ( je ein 13 mm MG 131) |
| Gewicht: |
ca. 18 Tonnen (+ Zuladung von max. 22 Tonnen) |
| Geschwindigkeit: |
je nach Schleppart etwa 200 km/h (z.B. mit He 111 Z) |
| Einsatzreichweite: |
ca. 400 km |
Der Großraumtransporter Me 323
Von
allen Fehlschlägen unberührt lief die Produktion unvermindert weiter. Am
Ende des Sommers 1941 waren 100 Me 321 A-1 an die Luftwaffe
ausgeliefert worden. Aber wohin sollten sie fliegen? Die Invasion nach
England, für die sie ja vorgesehen waren, war ganz in den Hintergrund
getreten, nachdem der Rußlandfeldzug die deutschen Kräfte mehr und mehr
band. Um den Nachschub der riesigen Armeen zu sichern, sollte der
"Gigant" als Transporter für die Ostfront eingesetzt werden.
Hierbei ergaben sich aber ernste Schwierigkeiten, da der Troika-Schlepp
nur eine maximale Reichweite von 400 km hatte. Dies wäre mehr als
ausreichend für das Unternehmen "Seelöwe" gewesen, aber
keineswegs genug, um die riesigen Weiten Rußlands zu überspannen. Die
unvermeidlichen Folgen wären häufige Zwischenlandungen zum Nachtanken.
Dies setzte voraus, daß auf allen Flugplätzen die Fahrgestelle sowie die
Startraketen mit ihrem leicht verflüchtigenden Treibstoff in
ausreichendem Maße verfügbar sein mußten. Und dies alles in Etappen von
400 km! Es stellte sich bald heraus, daß der "Gigant" als
Langstreckensegler nicht zu gebrauchen war.
Aus diesen Gründen wurde Messerschmitt beauftragt eine motorisierte
Version der Me 321 zu entwickeln. Diese sollte in der Lage sein, mit
Schlepphilfe zu starten und vollbeladen den Flug zum Zielort allein
durchzustehen, um anschließend leer mit eigener Kraft zu starten und zum
Ausgangspunkt zurückzukehren. Im Herbst 1941 wurden 2 Me 321 Lastensegler
zur motorisierten Version Me 323 umgebaut. Als Triebwerk wurden
anfänglich 4 Gnome-Rhone 14-Zylinder-Sternmotoren der französischen
Luftwaffe verwendet. Man entschied sich jedoch schnell, die Motorenzahl
auf 6 zu erhöhen, da somit der "Gigant" auch vollbeladen ohne
Hilfe starten konnte, wodurch der gefährliche Troika-Schlepp, sowie die
Startraketen nicht mehr benötigt wurden. Die Me 323 war damals das
zweitgrößte Motorflugzeug der Welt. Insgesamt wurden 200 Stück von ihr
gebaut. Sie konnte 12 Tonnen Nutzlast über 800 km weit befördern.
Allerdings war die Geschwindigkeit von 260 km/h sehr langsam. Auch gab es
ständig Sorgen durch Überhitzung der Triebwerke, was im Hinblick auf die
Temperaturen des russischen Winters einen Rekord eigener Art darstellte.
Doch mit einer neuentwickelten Motorverkleidung konnte sie nicht nur die
Ostfront, sondern auch das Afrika-Korps versorgen. Allerdings wurden dabei
viele "Giganten" wegen des mangelnden Jagdschutzes und ihrer
geringen Geschwindigkeit im Mittelmeerraum abgeschossen.
Insgesamt kann gesagt werden, daß die Me 323 ein nützlicher
Großtransporter war, wenn es wenig feindliche Jagdflieger gab, wie am
Anfang über der Ostfront. Ansonsten war er aber einfach zu langsam, und
wurde auch im Verbandsflug zahlreich abgeschossen.
| Technische Daten:
Messerschmitt Me 323 |
| Klassifikation: |
Großraumtransporter |
| Spannweite: |
55 m |
| Länge: |
28,60 m |
| Triebwerke: |
sechs Gnome-Rhone 14 N Vierzehnzylinder-Motoren (je
990 PS Leistung) |
| Bewaffnung: |
5 bis 16 MG-Stände ( je ein 13 mm MG 131) |
| Gewicht: |
54 Tonnen (Zuladung max. 12 Tonnen) |
| Geschwindigkeit: |
260 km/h |
| Einsatzreichweite: |
950 km |
Einschätzung
Der "Gigant" mag heute als unsinniger Anachronismus betrachtet
werden, vor allem der Lastensegler. Aber wenn der Ablauf der Ereignisse
im Kriege nur ein klein wenig anders gewesen wäre, und wenn die
Lastensegler für Luftlandungen eingesetzt worden wären, für die sie
einmal entworfen und geplant worden waren, dann hätten etwa 200 von
ihnen in den Tagen nach Dünkirchen lautlos aus dem Himmel gleiten
können, um 20.000 Soldaten, 100 Panzer und schwere Artillerie im
hügeligen Gelände bei Kent anzulanden, wo nur die Home-Guard
verfügbar war, die diese Kräfte hätte bändigen können. |